Lasten- und Pflichtenheft

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Warum Lasten- und Pflichtenheft vor der Ausschreibung entstehen müssen

Eine Beobachtung aus der Praxis – über Systeme, Abnahmen und Streit, der nie geplant war

Es gibt Projekte, bei denen man schon beim ersten Rundgang spürt:
Hier stimmt etwas nicht.

Nicht laut.
Nicht offensichtlich.
Aber irgendwie wirkt alles angestrengt.
Als würden Systeme nebeneinander arbeiten – nicht miteinander.

Fast immer liegt die Ursache viel weiter zurück, als alle glauben.


Es beginnt nie mit einem Fehler

Am Anfang steht kein Pfusch.
Keine falsche Technik.
Kein inkompetenter Beteiligter.

Am Anfang steht meist nur der Wunsch, voranzukommen.

Der Termin drängt, die Ausschreibung soll raus, Entscheidungen später.
KNX wird vorgesehen – als modernes, offenes System.
Das Lasten- und Pflichtenheft soll im Projekt entstehen. Wenn klarer ist, was man wirklich braucht.

Das klingt vernünftig.
Ist es aber nicht.


Wenn ein System keine Rolle bekommt, bekommt es auch keine Verantwortung

Ohne Lastenheft bleibt offen, was KNX im Gebäude eigentlich sein soll.
Nicht technisch – sondern funktional.

Und so wird KNX installiert, aber nicht gedacht.
Die Taster funktionieren.
Das Licht reagiert.

Mehr wird ihm nicht zugetraut.

Nicht, weil es mehr nicht könnte.
Sondern weil niemand festgelegt hat, dass es mehr soll.

KNX wird zur Taster-Ebene.
Leise. Unauffällig. Und dauerhaft.


Systeme wachsen, wo Entscheidungen fehlen

Im Projektverlauf passiert dann etwas sehr Menschliches.
Man löst Probleme dort, wo es gerade am einfachsten ist.

Die Jalousien und die Beschattung werden ausgelagert.
Die Heizung läuft über ein anderes System.
Die Logik landet auf einer Steuerung, die „das halt kann“.

Das ist kein Plan.
Das ist Improvisation.

Am Ende ist alles verbunden – aber nichts verantwortlich.


Spätestens bei der Abnahme wird es unangenehm still

Solange alles irgendwie läuft, stellt kaum jemand Fragen.
Doch bei der Abnahme zeigt sich, was vorher gefehlt hat.

Was genau soll in diesem Raum eigentlich funktionieren?
Welche Automatik ist vorgesehen?
Wie verhält sich Licht, Beschattung, Heizung in welchem Zustand?

Ohne Lasten- und Pflichtenheft gibt es darauf keine eindeutige Antwort.

Man kann messen, ob ein Taster schaltet.
Man kann prüfen, ob ein Aktor reagiert.
Aber man kann keine Funktion abnehmen, die nie beschrieben wurde.

Die Abnahme wird dann formal – nicht inhaltlich.
Bestätigt wird, dass „etwas geht“,
nicht, dass es so funktioniert, wie es gedacht war.


Abnahmen ohne Funktionsbeschreibung sind ein Risiko für alle

Für Auftraggeber bedeutet das Unsicherheit.
Für Auftragnehmer bedeutet es Haftung auf Zuruf.

Denn sobald der Betrieb beginnt, entstehen Erwartungen.
Und Erwartungen, die nicht abgenommen wurden,
kommen später als Mangel zurück.

Nicht, weil etwas kaputt ist.
Sondern weil etwas anders gedacht war.


Und hier beginnt der Streit

„Das war so nicht vereinbart.“
„Das ist Zusatzfunktion.“
„Das gehört nicht zur Anlage.“
„Das hätten wir abnehmen müssen.“

Ohne Lasten- und Pflichtenheft lässt sich das nicht sauber auflösen.
Es gibt keine Referenz.
Keinen gemeinsamen Maßstab.

Was bleibt, ist Interpretation.

Und Interpretation ist der Nährboden für Streit.


Viele dieser Projekte enden nicht mit einer Lösung – sondern mit Klärung

Nicht selten landen sie dort, wo niemand hinwollte.
Bei Gutachten.
Bei Auseinandersetzungen.
Bei der Frage, was eigentlich geschuldet war.

Und fast immer zeigt sich rückblickend dasselbe Bild:
Es wurde nicht falsch gebaut.
Es wurde nur nie sauber definiert –
und damit auch nie sauber abgenommen.


Ein Lastenheft ist kein Dokument – es ist die Grundlage für Abnahme

Ein Lastenheft vor der Ausschreibung beschreibt nicht Technik,
sondern Erwartung.

Ein Pflichtenheft übersetzt diese Erwartung in Funktion.
Raum für Raum.
Situation für Situation.

Erst dann kann man abnehmen,
was ein Raum tatsächlich können soll –
und nicht nur, ob etwas irgendwie reagiert.


Am Ende ist es immer dieselbe Erkenntnis

Die meisten Konflikte entstehen nicht im Betrieb.
Sie entstehen ganz am Anfang –
dort, wo man glaubte, Zeit zu sparen.

Oder anders gesagt:

Lasten- und Pflichtenhefte verhindern keine Fehler.
Sie ermöglichen Abnahmen – und verhindern spätere Diskussionen.

Und genau deshalb gehören sie vor die Ausschreibung.

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